Universidad Nebrija

revista.la@nebrija.es | ISSN 1699-6569 | Publicación semestral

Förderung kindlicher Mehrsprachigkeit durch bilinguale Kitas
Eine videobasierte Analyse von Erzieherin-Kind-Interaktionen in einer deutsch-englischen Kita
Heidi Seifert
TU Darmstadt
hseifert@spz.tu-darmstadt.de
RESUMEN

En Alemania, la educación preescolar bilingüe goza actualmente de una gran popularidad. En 2010, ya había alrededor de 700 instituciones preescolares bilingües y entre ellas la combinación alemán-inglés es la más extendida (ver FMKS 2010). Sin embargo, las condiciones marco de la adquisición del lenguaje de los niños atendidos en los jardines de infancia bilingües siguen siendo un desiderátum considerable. El estudio que se describe en este artículo investiga, partiendo de teorías interaccionistas y socioculturales de la adquisición del lenguaje, interacciones lingüísticas entre educadoras y niños durante actividades libres en un jardín de infancia alemán-inglés en Alemania. El objetivo del análisis es aclarar como las educadores anglófonas y germanófonas organizan interacciones lingüísticas con los niños en el contexto del método de la immersión y el principio de la separación de la las lenguas por personas (one person-one language). El enfoque del análisis está en las características y los procesos de scaffolding, es decir en las estrategias de comunicación y de contextualización usadas por las educadores en la interacción con los niños.

Palabras clave: Educación bilingüe, immersión, interacciones lingüístcas entre educadoras y niños, scaffolding

ABSTRACT

Bilingual preschools are enjoying increasing popularity in Germany. By 2010, there were approximately 700 bilingual child care facilities. Among these, the language combination of German-English is currently the most frequent (see FMKS 2010). Despite the high frequency of bilingual kindergartens, investigations on the requirements for the childrensʼ language acquisition in these bilingual institutions still need to be undertaken. Against the background of interactional and sociocultural theories of language acquisition, the study described in this paper, investigates communicative interactions between the nursery teacher and the children during free play time in a German-English kindergarten in Germany. The aim of the two-step analysis is to show how the English- and German-speaking nursery teachers organize their interaction with the children in the context of language immersion and how they follow the principle of functional separation of languages per person, namely one person-one language. The analysis focuses particularly on the processes and strategies of scaffolding used by the nursery teachers.

Keywords: Bilingual education, immersion, communicative interactions between nursery teachers and children, scaffolding

 

1. Hintergrund

Im Zuge sich wandelnder gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen wie der zunehmenden Globalisierung und der Internationalisierung des Arbeitsmarktes wachsen die Möglichkeiten aber auch die Notwendigkeiten der internationalen Kommunikation. Sprache gewinnt durch diese Veränderungen als Verständigungsmittel an Bedeutung und ist zugleich wichtige Schlüsselqualifikation für den internationalen Arbeitsmarkt. Die europäische Sprachenpolitik reagiert auf diese Veränderungen, indem sie sich zur Förderung der individuellen Mehrsprachigkeit für die Umsetzung der 3-Sprachenformel (Erstsprache und zwei Fremdsprachen), den Erhalt sowie die Pflege der sprachlichen Vielfalt einsetzt und ein lebenslanges Fremdsprachenlernen fordert (vgl. Europäische Kommission 1996). Die sprachenpolitischen Empfehlungen und insbesondere die Bemühungen um das frühe Fremdsprachenlernen finden durch die Eröffnung bilingualer Kindertagesstätten und die Einrichtung bilingualer Grundschulklassen auch zunehmend Eingang in die deutsche Bildungslandschaft. In diesem Zusammenhang erleben derzeit besonders bilinguale Einrichtungen im Elementarbereich einen regelrechten Boom. Im Jahr 2010 gab es in Deutschland ca. 700 bilinguale Kitas, ihr Anteil ist seit 2007 um 25% gestiegen (vgl. FMKS 2010). Unter den bilingualen Einrichtungen nehmen deutsch-englische Kitas mit 42% eine dominante Stellung ein.

Das bilinguale Spracherziehungskonzept folgt in vielen bilingualen Einrichtungen der Methode der Immersion (dt. „Eintauchen in das Sprachbad der Fremdsprache“) (vgl. u.a. Genesee 1987, Wode 1995, Zydatiß 2000). Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse der kanadischen Immersionsforschung gilt diese Methode mittlerweile weltweit als Erfolgsmodell in der Fremdsprachenfrühvermittlung (vgl. u.a. Wesche 2002, Kersten 2005). In der Immersion ist die zu erlernende Sprache nicht der Lerngegenstand wie im traditionellen Fremdsprachenunterricht, sondern die Arbeitssprache, die den gesamten Kitaablauf begleitet. Die Sprache wird auf diese Weise zu einem natürlichen Bestandteil des Alltags, so dass die Rahmenbedingungen und Aneignungsstrategien denen des natürlichen Erst- oder Zweitspracherwerbs ähneln. Innerhalb der Methode der Immersion erfolgt die Sprachverwendung der Erzieherinnen oft nach dem Grundsatz der funktionalen Sprachentrennung und personengebunden gemäß dem Prinzip one person-one language (vgl. Döpke 1992), so dass die deutschsprachigen Erzieherinnen ausschließlich auf Deutsch und die z.B. englischsprachigen Erzieherinnen ausschließlich auf Englisch mit den Kindern interagieren. Auch in der deutsch-englischen Kita der TU Darmstadt, in der die Videodaten für die Dissertationsstudie erhoben wurden, wird mit der Methode der Immersion und der personengebundenen Sprachverwendung, one person-one language, gearbeitet.

Doch nicht nur die zunehmende Einrichtung bilingualer Kitas lässt einen Umbruch im Elementarbereich erkennen. Im Zuge der Bildungsdiskussion, die auch durch internationale Vergleichsstudien wie TIMSS und PISA angestoßen wurde, soll auch die vorschulische Erziehung und Bildung grundlegend reformiert werden (vgl. Fthenakis 2003). Die Bundesländer haben entsprechende Bildungspläne verabschiedet, in denen der Bildungsanspruch der Elementarpädagogik konkretisiert wird. Der Elementarbereich hat damit eine Neubewertung als Bildungssektor erfahren, so dass Kitas und Kindergärten mittlerweile als integraler Bestandteil des Bildungssystems anerkannt wurden (vgl. u.a. Goethe Institut 2010). Insbesondere das Potential vorschulischer Betreuungseinrichtungen als Ort sprachlicher Bildung wird in diesem Zusammenhang hervorgehoben, da altersgemäß entwickelte sprachliche Kompetenzen als eine der wichtigsten Voraussetzungen für kindliche Entwicklung- und Bildungschancen gelten (vgl. Fried 2008; List 2010). In den verabschiedeten Bildungs- und Erziehungsplänen der Bundesländer, die als Leitfaden und Orientierungshilfe für die Arbeit in den Institutionen des Elementarbereichs dienen sollen, ist der Auftrag zur sprachlichen Bildungsarbeit explizit verankert (vgl. Schäfer 2003). Den pädagogischen Fachkräften wird in den Bildungsplänen eine aktive Rolle bei der Unterstützung kindlicher Spracherwerbsprozesse zugeschrieben (vgl. König 2007).

Um diesem neuen sprachlichen Bildungsanspruch in ein- und zweisprachigen Kindertagesstätten gerecht werden zu können, werden mit der vorschulischen Betreuung aber auch neue Qualitätsansprüche gestellt. Bisherige Studien zur Qualität von Bildungsprozessen im Elementarbereich (vgl. Tietze et al. 1998, 2008) unterscheiden zwischen verschiedenen Qualitätsdimensionen, die einen Einfluss auf die Rahmenbedingungen der sprachlichen Bildungsarbeit haben. Unter dem Begriff der Strukturqualität werden konstante Rahmenbedingungen in den Einrichtungen, wie z.B. der Erzieherin-Kind-Schlüssel oder die räumliche Ausstattung der Kita, erfasst. Die Orientierungsqualität beschreibt die subjektiven Theorien und inneren Konstrukte der beteiligten Akteure zum Thema und die Prozessqualität fokussiert die Interaktionen des Kindes mit seiner belebten Umwelt, d.h. vorrangig mit den Erzieherinnen und mit anderen Kindern. Bisherige Studien untersuchten vor allem strukturelle Rahmenbedingungen der sprachlichen Bildungsarbeit, wie z.B. die Materialien oder das Programm, das zur Förderung eingesetzt wird. Auch die Orientierungsqualität der Erzieherinnen, d.h. ihre eigenen Vorstellungen und subjektiven Theorien zum Thema Sprachförderung und Mehrsprachigkeit stehen seit einiger Zeit im Fokus der Debatte um die Professionalisierung von Erzieherinnen und werden in empirischen Studien untersucht (vgl. z.B. Balluseck et al. 2003; Fthenakis/ Oberhuemer 2002). Neuere Studien nehmen verstärkt auch Faktoren der Prozessqualität, d.h. Aspekte der Interaktion des Kindes mit seiner sozialen Umwelt in den Fokus. Forschungsergebnisse, die vor allem aus dem englischsprachigen Raum stammen, deuten an, dass intensive und reichhaltige sprachliche Interaktionen zwischen Erzieherin und Kind ausschlaggebend für die Initiierung sprachlicher Entwicklungsprozesse sind (vgl. u.a. Siraj-Blatchford et al. 2003). Die Dimension der Prozessqualität hat demnach einen wesentlichen Anteil am Erfolg sprachlicher Bildungsarbeit in Kindergärten.

Aus der Darstellung wird deutlich, dass sich sowohl die Bildungs- als auch die Qualitätsdiskussion im Elementarbereich verstärkt mit Interaktionen zwischen Erzieherin und Kindern beschäftigen und beiden Ansätze den Interaktionsprozessen einen bedeutenden Einfluss auf die kindlichen Lern- und Entwicklungsprozesse zuschreiben (vgl. König 2007). Auch aus spracherwerbstheoretischer Perspektive existieren Hypothesen, die die Bedeutung von sprachlichen Interaktionen für den Spracherwerb betonen. Diese bilden die wissenschaftstheoretische Basis der Dissertationsstudie und sollen im Folgenden dargelegt werden.



2. Wissenschaftstheoretische Einbettung der Studie

Vor dem Hintergrund der steigenden Beliebtheit bilingual-immersiver Kindergärten mit dem Ziel der Förderung kindlicher Mehrsprachigkeit und der Forderung nach einer gezielten und qualitativ hochwertigen sprachlichen Bildungsarbeit, kristallisiert sich die sprachliche Interaktion zwischen Erzieherin und Kind als ein Faktor heraus, der einen entscheidenden Einfluss auf die kindliche Sprachentwicklung in bilingualen Kitas hat. Aus spracherwerbstheoretischer Perspektive untermauern sowohl interaktionistische als auch soziokulturelle Erklärungsansätze zum Spracherwerb, dass die „unmittelbar sprachlich-kommunikative Zuwendung der Nährboden jeder Sprachentwicklung ist und den Rohstoff jeder Sprachaneignung liefert“ (Reich 2008: 13).

Interaktionistische Perspektiven auf den Spracherwerb wie die Interaktionshypothese nach Long (1996) betonen die Bedeutung von sprachlichen Interaktionen für Spracherwerbsprozesse. Nach Long sind es vor allem sprachlich-kommunikative Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedenen Akteuren, z.B. zwischen Erzieherin und Kind, in denen der Input für das Kind verständlich gemacht wird, die einen immensen Einfluss auf die sprachliche Entwicklung des Kindes haben (vgl. Long 1996).

Auch sozialinteraktionistische Perspektiven auf den Spracherwerb wie die soziokulturelle Theorie und die Vorstellung einer „Zone der nächsten Entwicklung“ (Wygotski 1987) betonen die soziale Komponente des Spracherwerbs. Die „Zone der nächsten Entwicklung“ beschreibt dabei die Differenz zwischen dem aktuellen Kompetenzniveau bzw. dem Niveau des selbstständigen Problemlösens des Lerners und der Stufe, die das Kind mithilfe eines kompetenten Gesprächspartners erreichen könnte (vgl. Wygotski 1987). Damit das Kind in der Zone der nächsten Entwicklung agieren kann, bedarf es einer Erzieherin, die im Kindergartenalltag vielfältige Möglichkeiten zur intensiven Auseinandersetzung mit Sprache bietet und zudem über ein umfangreiches Repertoire an kindgemäßen Kommunikationsformen verfügt, über die sprachliche Entwicklungsprozesse angestoßen werden können.

Als besonders günstige Kommunikationsformen scheinen sich Maßnahmen des Scaffoldings (dt. „Aufbau sprachlicher Gerüste“) erwiesen zu haben. Dabei handelt es sich um „a special kind of help that assists learners to move towards new skills, concepts, or levels of understanding. Scaffolding is thus the temporary assistance by which a teacher helps a learner how to do something, so that the learner will later be able to complete a similar task alone” (Gibbons, 2002: 10). Zum Scaffolding, das im deutschsprachigen Raum zunehmend mit der Bezeichnung „sprachstützende Strategien” übersetzt wird, gehören unter anderem ein spezifisches kindgerichtetes Frageverhalten, syntaktische und semantische Erweiterungen, Umformulierungen sowie korrektives Feedback zum kindlichen Output. Diesem adaptiven und responsiven Inputverhalten wird in neueren Studien eine sprachunterstützende Wirkung auf den kindlichen Spracherwerb zugesprochen (vgl. u.a. Szagun 2006).

Die Sichtung der Forschungsliteratur zeigt, dass erste Ansätze zur Erforschung des Input- und Interaktionsverhaltens von pädagogischen Fachkräften in Einrichtungen des Elementarbereichs existieren (vgl. u.a. Albers 2009, König 2007, König 2009, Ricart Brede 2011). Bisherige Studien vernachlässigen jedoch die Tatsache, dass Kleinkinder vermehrt bereits vor der Vollendung des dritten Lebensjahres außerfamiliär in Kitas und Krippen betreut werden. Für den Bereich der bilingualen vorschulischen Betreuung wurde im Rahmen des EU-Projekts ELIAS der quantitative Beobachtungsbogen IQOS zur Erhebung der Inputqualität entwickelt (vgl. Kersten et al. 2010). Jedoch fokussiert auch diese Teilstudie den Input von Erzieherinnen in der Interaktion mit über dreijährigen Kindern.


3. Forschungsgegenstand und Forschungsfragen

Die wissenschaftstheoretische Einbettung der Studie in interaktionistische und soziokulturelle Erklärungsansätze zum Spracherwerb hat den Stellenwert sprachlicher Interaktionsprozesse für die Aneignung sprachlicher Fähigkeiten verdeutlicht. Gleichzeitig wird aber auch ersichtlich, dass nach wie vor ein erheblicher Forschungsbedarf für das sprachliche Interaktionsverhalten von pädagogischen Fachkräften besteht. Insbesondere fehlt es an Studien zur sprachlichen Erzieherin-Kind-Interaktion in immersiv-bilingualen Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren, dieses Feld scheint praktisch unerforscht zu sein. An dieses Desiderat knüpft diese an der TU Darmstadt betreute Dissertationsstudie an. Mittels videobasierter Beobachtung wird in der Studie untersucht, wie die deutsch- und englischsprachigen Fachkräfte im Kontext der Immersion und dem Prinzip der personengebundenen Sprachverwendung folgend sprachliche Interaktionen mit den ein- bis dreijährigen Kindern gestalten und welche Merkmale das Interaktionsverhalten der Fachkräfte aufweist. Der Forschungsgegenstand wurde in die folgenden Teilfragen aufgeschlüsselt, die für die Analyse leitend sein sollen.

  1. Welche Arten von Erzieherin-Kind-Kommunikationssituationen kommen während der Freispielzeit in der bilingualen Kita zustande?
  2. Welche Charakteristika weisen der Input und das sprachliche Verhalten der Erzieherinnen in den verschiedenen Interaktionssituationen auf?
  3. Welche Schlüsse lassen sich daraus bezüglich der Rahmenbedingungen kindlichen Spracherwerbs in bilingualen Betreuungseinrichtungen ziehen?


Die erste Teilfrage nimmt in den Fokus, welche Arten von Erzieherin-Kind-Kommunikationsformen während der Freispielzeit in der Kita entstehen. Die Beantwortung der Frage verfolgt somit das Ziel, in einem ersten Schritt Aktivitäten in der Freispielzeit zu identifizieren, die rahmengebend und Voraussetzung für das Zustandekommen von sprachlichen Interaktionen zwischen Erzieherin und Kind sind. Darauf aufbauend sollen im zweiten Analyseschritt einzelne Sequenzen in den Blick genommen werden und bezüglich des Interaktionsverhaltens der Erzieherinnen mikroanalytisch untersucht werden. In einem letzten Schritt soll die Relevanz der Ergebnisse, d.h. die Merkmale und die Bedeutung des Interaktionsverhaltens der deutsch- und englischsprachigen Fachkräfte bezüglich der Rahmenbedingungen kindlichen Spracherwerbs in bilingualen Betreuungseinrichtungen diskutiert werden.


4. Forschungsdesign

Da die spezifischen Rahmenbedingungen des kindlichen Spracherwerbs in einer immersiv bilingualen Kita für Kinder im Alter von ein bis drei Jahren bisher praktisch unerforscht sind, bietet sich ein qualitativ orientiertes Vorgehen an. So wurde das Forschungsfeld in den ersten Monaten mittels teilnehmender Beobachtung erkundet, um den Tagesablauf in der Kita mitsamt seinen Aktivitäten und Routinen kennenzulernen und ein Vertrauensverhältnis zu den pädagogischen Fachkräften, den Kindern sowie den Eltern aufzubauen. Die teilnehmende Beobachtung diente zu diesem frühen Zeitpunkt des Forschungsvorhabens zudem als Grundlage zur Generierung der Forschungsfragen und als Sensibilisierung für Fragen und Rahmenbedingungen der sich anschließenden Hauptdatenerhebung mittels videobasierter Beobachtung.

Das Erhebungsinstrument der videobasierten Beobachtung (auch Videographie) bietet in Bezug auf den Fokus der Studie und den Charakteristika des Forschungsfeldes gegenüber der teilnehmenden Beobachtung und der Aufzeichnung reiner Audiodaten entscheidende Vorteile. Die Videographie vereint Bild- und Tondaten, so dass neben den verbalen Äußerungen der Akteure auch nonverbale Elemente der Kommunikation festgehalten werden können, die in der Interaktion zwischen den pädagogischen Fachkräften und den unterdreijährigen Kindern ein wichtiges Verständigungsmittel darstellen. Videobasierte Beobachtungen sind zudem weniger subjekt- und theoriegebunden (vgl. Petko et al. 2003), so dass auch über die Fragestellung hinausgehende Informationen festgehalten werden können, was bei der teilnehmenden Beobachtung nicht der Fall ist. Darüber hinaus ist die videobasierte Beobachtung iterativ durchführbar, das heißt, die Videodaten können beliebig oft und unter verschiedenen Beobachtungsaspekten und von verschiedenen Forschenden analysiert werden (vgl. u.a. Dinkelaker/Herrle 2009). Ferner können die Analyseergebnisse an Beispielen illustriert werden und sind dabei anschaulicher als z.B. Fragebögen oder Beobachtungsraster (vgl. Petko et al. 2003). Die Videodaten können so zur fachsprachlichen Verständigung beitragen und möglicherweise die „Kluft zwischen Theorie und Praxis“ überbrücken (Petko et al. 2003: 265), indem Videodaten, die im wissenschaftlichen Kontext erhoben wurden, als Anschauungsmaterial für die Aus- und Weiterbildung von Akteuren in der Praxis genutzt werden können.

Im Frühjahr 2012 wurde ein an die Bedingungen des Forschungsfeldes und die Forschungsfragen angepasstes Aufnahmekonzept entwickelt und pilotiert. Nach einer erneuten Überarbeitung und Feinabstimmung der Erhebungsinstrumente fand die Hauptdatenerhebung in der deutsch-englischen Kita der TU Darmstadt von Oktober bis Dezember 2012 statt.

Die Auswertung der Daten wird sich in zwei aufeinander aufbauenden Teilanalysen gliedern. Die erste Teilanalyse ist auf der Makroebene und sequenzübergreifend angelegt. Das Videomaterial wird durch eine inhaltsbezogene Sequenzierung nach dem Prinzip des event-samplings (Petko et al. 2003) zunächst in überschaubare Handlungseinheiten vorstrukturiert. Die identifizierten Sequenzen werden anschließend mithilfe einer ersten Basiskodierung von Sichtstrukturen (beobachtbare Aktivität, Sozialform, Sprache der pädagogischen Fachkraft) beschrieben. Bezug nehmend auf die erste Teilfrage kann durch diese Basiskodierung ermittelt werden, welche Kommunikationssituationen und damit rahmengebende Aktivitäten für sprachliche Interaktionen während der Freispielzeit in der Kita zustande kommen und wie diese hinsichtlich der beobachtbaren Aktivität, der Sozialform und der Sprache der Erzieherin ausgestaltet werden. Damit generieren die Ergebnisse der ersten Teilanalyse zugleich die Stichprobe für die sich anschließende zweite mikroanalytische Analyse, so dass den beiden Analyseschritten eine sequentielle und inhaltliche Verknüpfung zugrunde liegt. Dieses Vorgehen wird auch als Sequential sampling bezeichnet (vgl. Teddlie/Yu 2007). Aus dem Pool der vorliegenden Sequenzen können dann einzelne Einheiten für die sich anschließende Mikroanalyse ausgewählt werden.

Die Einheiten, die für den zweiten Analyseschritt ausgewählt wurden, werden zunächst transkribiert. Anhand der Transkripte können dann vertiefende Aspekte der Rolle der Erzieherinnen und ihres sprachlichen Verhaltens in den Interaktionen mit verschiedenen Kindern und in unterschiedlichen Situationen mikroanalytisch beleuchtet werden. Dabei soll das Interaktionsverhalten der Fachkräfte mit einem speziellen Fokus auf Prozesse und Merkmale des Scaffoldings (u.a. Strategien der Verständnissicherung, Kontextualisierungsstrategien) und der Responsivität (Reaktionen auf Interaktions- und Kommunikationsversuche des Kindes) untersucht werden. Hinsichtlich der zweiten Teilfrage der Forschungsfrage wird dieser Analyseschritt Aufschluss darüber geben, welche Merkmale das Interaktionsverhalten der deutsch- und englischsprachigen Fachkräfte in der Kommunikation mit den Kindern kennzeichnet.



5. Ergebnisse

Die Ergebnisse der Dissertationsstudie werden dezidiert beschreiben, welche sprachlichen Interaktionsmöglichkeiten sich in einer bilingualen Kita zwischen deutschen und englischen Fachkräften und den zu betreuenden Kleinkindern unter drei Jahren eröffnen und welche Charakteristika dieser Interaktion aus Erzieherinnenperspektive zugrunde liegen. Damit gewährt die Studie einen systematischen und empirisch abgesicherten Einblick in die alltägliche sprachliche Bildungsarbeit bilingualer Kitas, der bislang, trotz des Booms, den diese Einrichtungen erfahren haben, in der Form noch nicht vorliegt. Dadurch können die Ergebnisse einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von Bedingungsfaktoren des kindlichen Spracherwerbs in bilingualen Betreuungseinrichtungen leisten. Darüber hinaus können die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Studie auch eine Relevanz für die Praxis haben, indem sie als Ausgangsbasis für die Entwicklung von Qualifizierungsmaßnahmen und Weiterbildungsprogrammen von pädagogischen Fachkräften in bilingualen Kitas dienen können. Die Videodaten können in diesem Zusammenhang zur Veranschaulichung und besseren Nachvollziehbarkeit bei Fortbildungsveranstaltungen unterstützend zum Einsatz kommen.

 

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